Abgelegt unter: Probentagebuch
Manche der großen Männer haben ihr Werk vollbracht, ohne überhaupt irgend etwas zu tun. Nun gut: Der Mann vom Hauslabjoch hat sich anscheinend umbringen lassen und vereiste dann 1991 wiedergefunden wurde. Alles eher passive Taten. Er hätte sie sich wohl auch nicht unbedingt selbst so ausgesucht, oder?
Mit Ötzi, wie ihn der Boulevardmund taufte, muss irgendwann zwischen 3359 und 3105 v. Chr. in einer Querrinne zu Tode gekommen sein, wo sich der Gletscher über ihn schloss. Dank der Erderwärmung ging dieser schließlich wieder zurück; man fand die Mumie. Das Spannende an solchen Funden ist ja, dass man eine ganze Reihe von Möglichkeiten der Erforschung hat: War es wirklich ein Pfeil, der ihn tötete? Wurde er überfallen oder war er auf der Flucht? Was sagt die DNA, die Kleidungsreste? Und gibt es nicht wie bei Tutanchamun einen Fluch?
Faszinierend ist ja, dass man dank moderner Labortechnik nicht nur bestimmen kann, was der Mann für eine Haarfarbe hatte, sondern wie lang diese gewesen sein soll. Dass er 45 Jahre alt gewesen sein soll – was für die Jungsteinzeit doch recht alt ist. Dass er 1,60m groß gewesen sein soll. Dass er als letztes einen Brei aus Einkorn, Fleisch und Gemüse zu sich genommen hat. Und so weiter. Manchmal reicht eben ein dummer Zufall um postum zum Ruhm zu kommen. (ts)
Abgelegt unter: Probentagebuch
Während draußen Winni unseren Hof mit einem Laubsauger (jaja, unglaublich praktisch diese lärmenden Teile) leerpustet, widmen wir uns einer Ikone der sowjetischen Puppenspielpraxis: Sergej Wladimirowitsch Obraszow, vielleicht eine der eher unbekannten Figuren, die im diesjährigen Hofspektakel auftauchen.
Obraszow war Leiter des Moskauer Puppentheaters und einer der ersten, dessen Theater sich nicht mit den Wald- und Wiesentruppen messen lassen musste, die in der Puppenspielbranche bis in die 50er auf deutschem Boden dominierten, sondern einen riesigen Tourneeapparat betrieb. Gut: Fast kein heutiges Figurentheater würde mit 50 Personen auf Tour gehen, das ist so gut wie finanziell unmachbar. Bei Obraszow spielte das keine Rolle. Vielleicht muss man sein Theater daher eher mit großen Musiktheatern oder Ballettensembles vergleichen, die auf Tour unterwegs sind.
Spannend an Obraszow ist eigentlich, dass er einerseits die Stabpuppe populär machte, die dann plötzlich zum Kultobjekt des Ostblock-Puppentheaters werden sollte, aber andererseits fast avantgardistisch die Hand mit Schaumstoffaufsätzen als Puppe verwendete, also in die Miniatur ging. Die Stabpuppe muss ihren Ursprung in Asien haben – so genau weiß man das ja nie. Sie ist jedenfalls in Europa erst sehr spät als Theaterpuppe entdeckt worden, wobei schwer zu sagen ist, woran das genau gelegen hat. Stabpuppe bezieht sich übrigens auf die Stäbe an den Händen – eine Abwandlung, wie man sie im Kölner Hänneschentheater hat, mit Stab im Körper und an einer Hand, kommt aus einer anderen Entwicklungstradition. Obraszow jedenfalls verwendete sie, sodass mehrere Spieler in der Interaktion eine Puppe steuerten, natürlich immer unter dem Diktum des naturalistischen Spiels. Geht man in unseren Fundus, so findet man auch eine ganze Reihe von Stabpuppen, die vor allem durch ihre riesigen Köpfe auffallen, die nach heutigen ästhetischen Maßstäben – Verzeihung! – eher hässlich zu nennen sind.
Obraszow hinterließ übrigens eine Abhandlung “Mein Beruf”, in der er seine theoretischen Überlegungen hinterließ. In der doch eher manifestarmen und theorielosen Geschichte des Puppenspiels sicherlich ein prägender Text. (ts)
Abgelegt unter: Probentagebuch
Wenn man die Ernst-Reuter-Alle hinunter geht (oder hinauf, je nach Blickrichtung) findet der aufmerksame Fußgänger gegenüber der Hausnummer 24 nebenstehende Plastik von Heinrich Apel. Sie zeigt die Geschichte, wie schnell ein unbedarfter sowjetischer Fliegeroffizier zu Ruhm gekommen ist und zum Propagandainstrument gemacht wurde. Der Magdeburger Fenstersturz, ein Kind fällt aus dem vierten Stock, der Offizier fängt es mit seinem Mantel auf, ist ein Ereignis, das eine kleine kulturelle Welle unter dem Motto Freundschaft zwischen der DDR und der Sowjetunion losbrechen ließ. Der Offizier wurde – das sieht man dann auch auf der Plastik verbildlicht – als eine Art rettende Fortuna behandelt. Und so schnell kann es gehen, dass man zum Helden wird, obwohl die Rettung für den Soldaten vermutlich selbstverständlich war.
Bis Belikow 1977 Ehrenbürger Magdeburgs wurde, erschienen eine Postkarte mit “brüderlichem Gruß”, das Gedicht “Episode im März”, das Kinderbuch “Kathrins Donnerstag”. Kathrin selbst will heute übrigens nichts mehr von dem Fall wissen, der Rummel um das gerettete Kind dürfte entsprechend groß gewesen sein.
Igor Belikow kehrte 1970 in die Heimat zurück, wo er nach einem Studium Oberst wurde. Er war später dann der Leiter des Bergungskommandos für die sowjetischen Raumschiffe in Kasachstan. Heute lebt Belikow in der Ukraine und war das letzte mal zum Stadtjubliäum 2005 in Magdeburg, wo er übrigens auch die gerettete Kathrin traf. (ts)




