Auf der Zielgeraden
Mittwoch, 30. September 2009, 17:50
Abgelegt unter: Probentagebuch

Heute, Morgen, Freitag ist Premiere. Um 20 Uhr. Bis dahin wird noch geprobt, durch das Stück gelaufen, nachjustiert. Die Technik macht im Moment keine Probleme – das bleibt hoffentlich bis Freitag so. Für alle, die sich schon einmal auf Reineke Fuchs inhaltlich vorbereiten wollen (und keine Einführung mit ihrer Schulklasse bekommen), hier vorab einige Infos. Keine Angst, sie werden nicht abgefragt. Auch nicht performativ.

Schauen wir einmal in die Geschichte des Stoffes. Wer bisher glaubte, Goethe hätte sich in einem Anflug von Genialität alles selbst ausgedacht – den muss ich hiermit enttäuschen. Reineke Fuchs taucht schon viel früher auf, eigentlich in allen Sagenkreisen, wo die Menschen Füchse aus ihrem natürlichen Umfeld kannten. Der Grundkonflikt kristallisierte sich schließlich heraus: Ein Wolf (Isegrim) und ein Fuchs (Reinardus im Lateinischen oder Renart im Französischen, Reinhart im Mittelhochdeutschen) stehen sich gegenüber. In Frankreich, in den Niederlanden, in Deutschland nördlich und südlich der Benrather Linie verbreitete sich der Stoff in der zweiten Hälfte des dunklen Mittelalters. Ein Lichtblick war die Geschichte sicher nicht. In Lübeck veröffentlichte Hans van Ghetelen „Reyneke de Vos“ das Werk 1498. Das sieht dann im Schriftbild so aus:

Id gheschach vp eynen pynxstedach,
Datmen de wolde vnde velde sach
Grone staen myt loff vnde gras,
Vnde mannich fogel vrolich was
Myt sange in haghen vnde vp bomen;
De krüde sproten vnde de blomen,
De wol röken hir vnde dar;
De dach was schone, dat weder klar.

In dieser ganzen Entwicklung war Reineke Fuchs nie eine Fabel, die vergleichbar mit Äsop, La Fontaine oder Lessing ist. Vielmehr ist das Epos eine Anklage: An die Welt, die Kirche, die Herrschaft. Eine Geschichte vom Fressen und Gefressen werden, ein Bestiarium – allerdings ohne den christlichen Ethos.

Schließlich übersetzte 1752 der Harlekin-Vertreiber und Anti-Spaßmacher Johann Christoph Gottsched die niederdeutsche Fassung. Über diesen Weg wurde Goethe schon in seiner Kindheit mit dem Stoff bekannt geworden zu sein. Goethes Hexameter-Exzess regten die Zeichen der Zeit, die französische Revolution, an. Dieser Text ist sicher die mit Abstand bekannteste Fassung heute.

Ab Freitag wird es also eine weitere Theaterfassung geben: Mit Puppen, Spielern, Technik und Kampfchoreographie. Mal sehen, was der uralte Stoff noch mit unserem Heute zu tun hat.



Abschied vom Puppentheater
Mittwoch, 30. September 2009, 13:33
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DSC_0387abschiedtonasvilleSie sind auf dem Weg: Sven-Mahatma, Merle, Jana und Titus (v.l.n.r.). Seit Mittwoch in aller Frühe sind sie auf dem Weg nach Nashville. Über den großen Teich. Die Ausstellung “Putting all in Holzkists” soll bereits vollständig und allem Anschein nach instand dort angekommen sein. Hoffen wir das Selbe für unsere vier Globetrotter. Und wenn sie angekommen und einigermaßen akklimatisiert sind, werden sie sich hoffentlich hier wieder melden. Bis dahin: Gute Reise! (jesko)



Im schwarzen Licht
Samstag, 26. September 2009, 15:42
Abgelegt unter: Probentagebuch

Schwarzlicht heißt eigentlich Ultraviolettstrahlung. Wenn man sich beispielsweise unsere Deckenlampe auf der Bühne in solch einer Beleuchtung (oder hieße es hier: Bestrahlung?) anschaut, sieht man einen dunklen violetten Schein – genauso wie man bei der Infrarotlampe einen roten Kopf bekommt, was nicht nur daran liegt, dass sich der Schleim aus der Nase löst.

Aber: Es hat sich der Name Schwarzlicht durchgesetzt. Wer könnte sich auch die Bezeichnung Ultraviolettstrahlungs-Theater vorstellen, außer es ist vielleicht eine Physik-Show. Die Strahlen, und damit beenden wir den kleinen chemischen Exkurs, schwärzen tatsächlich. Allerdings nur Silberchloridpapier. Wer das nicht zur Hand hat, kann andere Experimente mit Schwarzlicht machen. So zum Beispiel heute in Reineke Fuchs. Dort spielen mit spezieller Neonfarbe präparierte Knochen die Verschwörung von Reinekes Vater nach. “Eine tiefe Nacht lag über der Versammlung.” Aber auch einfaches aber kräftig-klares Weiß reflektiert das Licht: Suses Kleidung, die weiße Fensterverdunkelung. Beide spielen bei der Verschwörung allerdings eine eher untergeordnete Rolle.

An diesem Samstag könnte ich auch das Best Of der vergangenen Einträge bringen: Jürgen Bichler ist zu den Endproben der Kampfchoreographie angereist und wird erneut mit unseren Spielern die Bewegungsabfolgen durchgehen. Die Technik ist in ein neues Stadium des absurden geflüchtet und löst nun ohne irgendein Zutun seitens menschlicher Existenz die Musik aus. Und über dieses unerklärliche Problem, das immer wieder das Spiel abrupt unterbricht, senkt sich tatsächlich der Schleier des schwarzen Lichtes. Man sollte die Lösung in Neonfarbe tauchen.



Postkarten
Mittwoch, 23. September 2009, 14:52
Abgelegt unter: Probentagebuch

Postkarten, die nach Probebühne einer Schauspielschule aussehen, können wir auch erstellen. Die sehen dann so aus.

Postkartenentwurf 1

Postkartenentwurf 1

Da wir aber ja keine Probebühne sind, hat gestern Jesko neue Fotos von unseren Darstellern in voller Montur gemacht: Mit Kleidung, Schminke, Frisur … und Hund.

Postkartenentwurf 2

Postkartenentwurf 2

Postkartenentwurf 2

Postkartenentwurf 3

Das erste sieht vielleicht etwas zu sehr nach den Sheriffs mit ihrem Hündchen aus.

Und auf dem zweiten kann man besonders in der Vergrößerung den TV-Movie-Spezial-Weichzeichner bewundern.

Da das Stück aber “Reineke Fuchs” und nicht “Reineke Hund” heißt und Tango zu wenig nach gefährlicher Bestie aussieht, haben wir uns dann doch für etwas anderes entschieden: Für den Kampf, das Fressen und Gefressen werden, das Treffen zweier Tiere und Menschen aufeinander.

Postkartenentwurf 4

Postkartenentwurf 4

Da dies Nis aber nach unpassendem Kunstdruck aussieht, hat Jesko schließlich die letzte nun folgende Variante noch erschaffen. Und hier ist sie:

Postkarte Reineke Fuchs

Postkarte Reineke Fuchs

Zwei gleichgekleidete Personen – graue Hemden, grüne Hosen, schwarze Krawatten -  springen auf den Betrachter zu. Sie springen ins Ungewisse der Vergangenheit, schauen nach vorne und haben dennoch Kampfelemente in ihrer Haltung. Und nicht zuletzt beachte man die Hände, die aus dem Bild springen.

In echt gibt es die Postkarte ab nächster Woche im Puppentheater zum Mitnehmen!



12 Volt
Freitag, 18. September 2009, 13:41
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Die Geschichte der Tierhinrichtungen ist ein skurriler Teil der wenig erfreulichen Tradition von Exekutionen in den Vereinigten Staaten. Die Tiere, die ihr Leben lassen mussten, weil sie als gemeingefährlich eingestuft worden waren, erlangten immerhin einige Berühmtheit. So zum Beispiel die Elefantenkuh Topsy, der sogar zum hundertjährigen Todestag ein Denkmal enthüllt wurde. Das Menschen überhaupt auf die Idee gekommen sind, die Tötung zu Maschinisieren, ist das Eine. Das Andere ist der offensichtliche Nervenkitzel des Zuschauers. Vielleicht hängen die beiden Punkte auch untrennbar zusammen.

Womit wir bei Reineke Fuchs wären. Ich habe im letzten Journal Nis (der übrigens das Geburtstagskind des Tages ist) zitiert: „Solche brutalen Geschichten werden von Goethe in eine herrlich leicht-komische Sprache gefasst.“ Hier haben wir es gleich zweimal mit Ermordung als Bestrafung zu tun: Zunächst soll Reineke gehängt werden. Er entkommt aber. Später wird dann der Widder Bellyn tatsächlich hingerichtet – und ist damit natürlich in die Falle des Fuchses gegangen. Wenn nun ein Tier mit einer Tötungsmaschine zusammenkommt, ersteht unweigerlich eine komische Situation; man denke an Topsy. Diese beiden Pole wollen einfach nicht zusammen passen. Und damit sind wir bei Goethe: brutal und leicht-komisch zugleich; verstörend und doch faszinierend.

Keine Angst: Das Geräusch, welches auf der Bühne zu hören sein wird, entsteht aus 12 Volt, nicht wie bei Elefanten 6600 Volt. Es kommen keine Menschen zu schaden; jeder der ein Gitarrenklingenkabel schon einmal in der Hand hatte, weiß, dass man bei dieser Spannung keinen Stromschlag bekommt.



Putting all in Holzkists
Donnerstag, 17. September 2009, 09:37
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DSC_5111Bevor es über den großen Teich nach Nashville geht, muss die gesamte Ausstellung verpackt werden. In Holzkisten. Derweil uns vom Einfuhrbestimmungsabteilungsleiter klar dargelegt wurde, dass normales Leimholz aufgrund von möglicherweise terroristisch veranlagter Holzwürmer nicht geduldet seien. So also geht es nun ans Tischlerholz- wurmfest – aus bestem amerikanischen Pinienholz. Ach was- macht jalles nichts, es muss nur umgebaut und geschraubt werden. Und dann … dann gehts los.



Im Fuchsbau
Dienstag, 15. September 2009, 16:14
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Das Wort „Fuchsbau“ scheint vornehmlich mit einer angenehmen Atmosphäre assoziiert zu werden. Restaurants, Bars, Pensionen, Freizeitanlagen, Internetblogs und Jugendzentren nennen sich nach der Tierbehausung. Wir fügen heute die Variante der Schultafel hinzu, welche bei uns der Fuchsbau ist. Natürlich nicht in der teuren, interaktiven High-Tech-Variante: Unsere Tafel ist im klassischen waidmannsgrün gehalten, lässt sich mit Kreide beschreiben, verschieben und drehen. Füchse okkupieren schließlich auch fremdgeschaffene Bauten für ihre Wohnzwecke: Vorsprünge, Baumstümpfe oder die Bauten fremder Tiere. Unser Vorbesitzer war wahrscheinlich Lehrer in Hamburg, der jetzt auf dem Boden schreiben muss.

Vielleicht hat er seiner Tafel einen liebevollen Kosenamen gegeben. Suses Reineke nennt sie nun: Malepartus, vom lateinischen mal = schlecht und vom französischen pertuis = Durchgang. Das böse Loch, der Eingang in den Fuchsbau. Man kann sich sicher sein: Ist man kein Fuchs, kommt man dort lebendig nicht wieder hinaus. Hasen schon gar nicht. Und Widder passen glücklicher Weise nicht hindurch. Warum, um wieder zum Anfang zu gelangen, „Malepartus“ ebenfalls für Seniorenheime, Ferienappartements und Restaurants verwendet wird, kann ich mir nur dadurch erklären, dass die Betreiber im Fremdsprachenunterricht nicht aufgepasst haben.



Bühnenführung
Sonntag, 13. September 2009, 15:03
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Mitglieder des Fördervereins auf der Probebühne

“Mich deucht, das Größt bei einem Fest / Ist, wenn man sich’s wohlschmecken läßt.” (Johann Wolfgang von Goethe)

Die Percussions-Trigger, die Nis auf der Bühne zur Musikauslösung verteilt hat, machen nicht nur uns eine Menge Spaß. Heute konnten Mitglieder des Fördervereins während des jährlichen Sommerfestes die Probebühne besuchen – und Puppen und Technik ausprobieren.

Trackerkunde für Anfänger

Keine Angst: Die Puppen haben die Erkundungen von kleinen und etwas größeren Händen unbeschadet überlebt – einzig Reineke ist das Maul gestopft. Dafür sind aber die Spieler selbst verantwortlich.

Wer auch zu diesem kleinen Kreis der Priviligierten gehören will und nächstes Jahr mitfeiern möchte, besuche am Besten die Homepage des Vereins: www.puppentheaterverein-magdeburg.de



Die ersten Fotos
Mittwoch, 9. September 2009, 15:32
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Die ersten Fotografien von der Kampfchoreographie. Mit einem Klick auf die Bilder werden sie in voller Größe geöffnet.

Die Kontrahenten stehen sich gegenüber

Die Kontrahenten stehen sich gegenüber

Wolf Isegrim steckt schläge ein

Wolf Isegrim steckt Schläge ein

Suse kämpft wie ein Fuchs

Suse kämpft wie ein Fuchs



Tücken
Dienstag, 8. September 2009, 17:48
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Technik bereitet eigentlich immer Probleme. Das hat schon der US-amerikanische Ingenieur Edward A. Murphy scharfsinnig erkannt, der in solchen Fällen immer gerne mit gleichnamigem Gesetz zitiert wird: “Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen.” Vielleicht können wir ganz froh sein, dass wir nicht wie Murphy mit Raketenschlitten zu tun haben. Uns bringen schon Kabel und Digitalkameras an die Grenzen des Kontrollierbaren. Das ist auch der Grund, warum es immer noch keine Bilder gibt – ich arbeite aber daran.

“Jedes Hindernis ist ein Geschenk an eure Rolle”, hat Nis noch zu Beginn der Proben gesagt. Da lag die Bühne voll von Stolperkabeln und war recht zugestellt mit Tischen, Mülltonne und Technik. Nachdem Suse und Michael nun eine Woche lang jeden Stein im Weg mitgenommen haben – sei es Stolpern, versehentliches Musikauslösen oder Lampen demolieren – hat Nis die Bühne schon wesentlich leerer geräumt. Und wir stellen heute fest: Es kommt dem Spiel zugute.

Vielleicht unterschätzen wir ja aber auch – und da betreten wir den Objekttheaterbereich – die Tücke des Objektes; das Eigenleben, das wir alle kennen, ihm aber nicht zugesetehen möchten. So eine Tücke, so ein Eigenleben wird es auch in der Reineke-Puppe geben – es ist quasi der Auslöser der Puppenanimation in unserer Inszenierung. Und vielleicht will die Technik auch nur (Mit-) Spielen. Hoffentlich.