Andersleben
Donnerstag, 2. September 2010, 19:59
Abgelegt unter: Probentagebuch

Willkommen in der neuen Spielzeit – 2010)11 wird bei uns unter dem Motto anders:leben stehen. Und dazu, sozusagen als Auftakt im Probentagebuch, einen kleinen Reisebericht in die Magdeburger Börde.

Andersleben, Ortsschild

Andersleben, Ortsschild

Natürlich macht auch ein Dramaturg genau das, was wahrscheinlich im Internetzeitalter alle machen. Wenn ein neues Spielzeitmotto einen witzigen, durchdachten, interessanten Gedanken braucht, dann gibt man es bei einer großen Suchmaschine ein. Und dabei findet man im falle von “anders:leben” nicht als erstes irgend welche alternativen Lebensgruppen (die kommen erst auf den Plätze fünf bis 10), sondern den Ortsteil Andersleben, zugehörig zu Oschersleben. Spätestens jetzt ist der Witz, dass wir irgendwann bei Städtenamen, deren zweites Morphem ein “leben” ist, ankommen, seltsame Wahrheit geworden.

Andersleben, erstmals 1086 als Villa Andesleve erwähnt, liegt östlich von Oschersleben an der B246. Sicherlich gehört es zu der Art Siedlung, an der niemand am Ortseingangsschild sein Auto auf 50km/h herunterbremst. Kaum ist man drinnen, ist man auch wieder draußen. Man sollte also vorsichtig sein, wenn man hier spazieren geht, zumalen es keinen Bürgersteigt gibt. Und sicher steht hier oft der ein oder andere Blitzer.

Auf der Nordseite der Bundesstraße findet man die üblichen Einfamilienhäuser, wie sie gerne in Vororten zu finden sind. Die Straße sieht verdächtig nach Spielstraße aus; sie heißt pragmatischer Weise “Zur Siedlung”. Unterwegs ist keiner der 66 Einwohner (vielleicht auch nur 59, die Quellen sind nicht eindeutig), dafür bellt ein Hund hinter einem hohen Gartenzaun und Pferde grasen auf einer Weide.

Kirche Andersleben

Kirche Andersleben

Der Blick nach Süden, über die Straße hinüber, zeigt ein anderes Bild. Hier steht die Kirche – in anderen Orten würde man es Kapelle nennen, oder was davon übrig ist. Sie muss einmal sehr hübsch gewesen sein und erinnert mich irgendwie an die Kapellen aus alten Tom-Sawyer-Filmen. Über die Enstehung von Andersleben finde ich leider nichts, wohl aber dass hier eine Warte stand, ein Aussichtsposten vor der Stadt Oschersleben. Es muss wohl auch 1927 eine Heimatzeitschrift gegeben haben – bleibt nur die Frage, wo man die heute noch finden könnte. Hier im südlichen Teil stehen die Reste des ehemaligen Gutshofs, von dem aus die Dorfbewohner für ihr vor allem landwirtschaftliches Wirken, aus bestellt wurden. Heute finde man im südlichen Teil, lustige Weise mit der Adresse “An der Kirche 27A”, ein großes Bordell. Eine Bushaltestelle im Zentrum des Ortes komplettiert Andersleben – der Bus fährt übrigens recht regelmäßig.

Soweit sieht also Andersleben aus, wie viele andere Dörfer auch. Bleibt aber der bemerkenswerte Name. “Ein damaliger Bürgermeister aus einer Nachbargemeinde sagte einmal: „Andersleben ist da, wo die Leute anders leben.“ Und so war es auch. Die Anderslebener blieben unter sich, der Ort war nicht gerade ein Aushängeschild, auf Ordnung und Sauberkeit wurde nicht viel Wert gelegt.” So steht es zumindest auf der Homepage der Stadt Oschersleben. Interessant wäre an dieser Stelle, ob das ganze restliche Land tatsächlich so sauber war, wie hier suggeriert wird – wie dem auch sei. Andersleben ist nicht zur Hippiekommune geworden, was der Nachbarbürgermeister ja nahelegt, sondern hier kann man heute recht naturnah wohnen. Auch wenn die Natur menschlich, d.h. landwirtschaftlich oder vorgartenhaft, geprägt ist und von einer vielbefahrenen Straße unterbrochen wird.

Hochsicherheitszeltplatz

Hochsicherheitszeltplatz

An der Hauptstraße weist ein Hinweisschild einen Zeltplatz auf. Fährt man der Beschilderung nach, kommt man nach etwa 1.000 Metern Feldweg tatsächlich zu einem hermetisch abgeriegelten Gebiet. Und das ist wirklich anders leben: Ein Zeltplatz, der im Sommer nicht geöffnet ist.  Man hört idyllisch im hintergrund die röhrenden Motoren der Motorsport Arena Oschersleben, zu der der Platz anscheinend gehört und dessen Gäste wahrscheinlich hier nächtigen können. “Was gibt es schöneres, als  morgens mit dem Dröhnen der Motoren aufzustehen?”, fragt die Homepage. Naja, mir würde da schon was einfallen.

Vielleicht ist Andersleben ein Ortsteil für Klischee-Männer: Motorrad fahren und später zu den Hostessen (so das seltsam altertümliche Wort in der Eigenwerbung) gehen. Und wahrscheinlich wird diese Einschätzung den dort lebenden Menschen nicht gerecht; umso faszinierender also, wie sich ein Dorf über sein “Freizeitangebot” präsentieren kann.

Den Begriff anders:leben wollen wir jedenfalls in der kommenden Spielzeit mit Leben füllen. Und dazu laden wir natürlich auch die Anderslebender ein, auf einen Vorstellungsbesuch vorbeizuschauen.



Große Männer und ihre Werke. Heute: Ötzi
Freitag, 23. Juli 2010, 18:21
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Manche der großen Männer haben ihr Werk vollbracht, ohne überhaupt irgend etwas zu tun. Nun gut: Der Mann vom Hauslabjoch hat sich anscheinend umbringen lassen und vereiste dann 1991 wiedergefunden wurde. Alles eher passive Taten. Er hätte sie sich wohl auch nicht unbedingt selbst so ausgesucht, oder?

Mit Ötzi, wie ihn der Boulevardmund taufte, muss irgendwann zwischen 3359 und 3105 v. Chr. in einer Querrinne zu Tode gekommen sein, wo sich der Gletscher über ihn schloss. Dank der Erderwärmung ging dieser schließlich wieder zurück; man fand die Mumie. Das Spannende an solchen Funden ist ja, dass man eine ganze Reihe von Möglichkeiten der Erforschung hat: War es wirklich ein Pfeil, der ihn tötete? Wurde er überfallen oder war er auf der Flucht? Was sagt die DNA, die Kleidungsreste? Und gibt es nicht wie bei Tutanchamun einen Fluch?

Faszinierend ist ja, dass man dank moderner Labortechnik nicht nur bestimmen kann, was der Mann für eine Haarfarbe hatte, sondern wie lang diese gewesen sein soll. Dass er 45 Jahre alt gewesen sein soll – was für die Jungsteinzeit doch recht alt ist. Dass er 1,60m groß gewesen sein soll. Dass er als letztes einen Brei aus Einkorn, Fleisch und Gemüse zu sich genommen hat. Und so weiter. Manchmal reicht eben ein dummer Zufall um postum zum Ruhm zu kommen. (ts)



Große Männer und ihre Werke. Heute: Obraszow
Mittwoch, 14. Juli 2010, 17:01
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Während draußen Winni unseren Hof mit einem Laubsauger (jaja, unglaublich praktisch diese lärmenden Teile) leerpustet, widmen wir uns einer Ikone der sowjetischen Puppenspielpraxis: Sergej Wladimirowitsch Obraszow, vielleicht eine der eher unbekannten Figuren, die im diesjährigen Hofspektakel auftauchen.

Obraszow war Leiter des Moskauer Puppentheaters und einer der ersten, dessen Theater sich nicht mit den Wald- und Wiesentruppen messen lassen musste, die in der Puppenspielbranche bis in die 50er auf deutschem Boden dominierten, sondern einen riesigen Tourneeapparat betrieb. Gut: Fast kein heutiges Figurentheater würde mit 50 Personen auf Tour gehen, das ist so gut wie finanziell unmachbar. Bei Obraszow spielte das keine Rolle. Vielleicht muss man sein Theater daher eher mit großen Musiktheatern oder Ballettensembles vergleichen, die auf Tour unterwegs sind.

Spannend an Obraszow ist eigentlich, dass er einerseits die Stabpuppe populär machte, die dann plötzlich zum Kultobjekt des Ostblock-Puppentheaters werden sollte, aber andererseits fast avantgardistisch die Hand mit Schaumstoffaufsätzen als Puppe verwendete, also in die Miniatur ging. Die Stabpuppe muss ihren Ursprung in Asien haben – so genau weiß man das ja nie. Sie ist jedenfalls in Europa erst sehr spät als Theaterpuppe entdeckt worden, wobei schwer zu sagen ist, woran das genau gelegen hat. Stabpuppe bezieht sich übrigens auf die Stäbe an den Händen – eine Abwandlung, wie man sie im Kölner Hänneschentheater hat, mit Stab im Körper und an einer Hand, kommt aus einer anderen Entwicklungstradition. Obraszow jedenfalls verwendete sie, sodass mehrere Spieler in der Interaktion eine Puppe steuerten, natürlich immer unter dem Diktum des naturalistischen Spiels. Geht man in unseren Fundus, so findet man auch eine ganze Reihe von Stabpuppen, die vor allem durch ihre riesigen Köpfe auffallen, die nach heutigen ästhetischen Maßstäben – Verzeihung! – eher hässlich zu nennen sind.

Obraszow hinterließ übrigens eine Abhandlung “Mein Beruf”, in der er seine theoretischen Überlegungen hinterließ. In der doch eher manifestarmen und theorielosen Geschichte des Puppenspiels sicherlich ein prägender Text. (ts)



Große Männer und ihre Werke. Heute: Belikow
Freitag, 2. Juli 2010, 11:32
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Belikow Denkmal

Belikow Denkmal

Wenn man die Ernst-Reuter-Alle hinunter geht (oder hinauf, je nach Blickrichtung) findet der aufmerksame Fußgänger gegenüber der Hausnummer 24 nebenstehende Plastik von Heinrich Apel. Sie zeigt die Geschichte, wie schnell ein unbedarfter sowjetischer Fliegeroffizier zu Ruhm gekommen ist und zum Propagandainstrument gemacht wurde. Der Magdeburger Fenstersturz, ein Kind fällt aus dem vierten Stock, der Offizier fängt es mit seinem Mantel auf, ist ein Ereignis, das eine kleine kulturelle Welle unter dem Motto Freundschaft zwischen der DDR und der Sowjetunion losbrechen ließ. Der Offizier wurde – das sieht man dann auch auf der Plastik verbildlicht – als eine Art rettende Fortuna behandelt. Und so schnell kann es gehen, dass man zum Helden wird, obwohl die Rettung für den Soldaten vermutlich selbstverständlich war.

Bis Belikow 1977 Ehrenbürger Magdeburgs wurde, erschienen eine Postkarte mit “brüderlichem Gruß”, das Gedicht “Episode im März”, das Kinderbuch “Kathrins Donnerstag”. Kathrin selbst will heute übrigens nichts mehr von dem Fall wissen, der Rummel um das gerettete Kind dürfte entsprechend groß gewesen sein.

Igor Belikow kehrte 1970 in die Heimat zurück, wo er nach einem Studium Oberst wurde. Er war später dann der Leiter des Bergungskommandos für die sowjetischen Raumschiffe in Kasachstan. Heute lebt Belikow in der Ukraine und war das letzte mal zum Stadtjubliäum 2005 in Magdeburg, wo er übrigens auch die gerettete Kathrin traf. (ts)



Große Männer und ihre Werke. Heute: Goethe
Dienstag, 29. Juni 2010, 15:17
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Aus gegebenem Anlass spüren wir im Probentagebuch einer Reihe von berühmten Männern nach. Dass die Überschrift das weibliche Geschlecht dermaßen ausklammert ist sicherlich Grund zur Beschwerde. Allein: Die großen Zeitzeugen, die im Hofspektakel als Referenzen an verschiedene Epochen auftreten, entsprechen dem Parameter: Den und dessen wirken kennen viele Zuschauer. Und das sind dann doch zumeist Männer. Und das sagt wohl eher etwas über die europäische Kulturgeschichte aus, als über diese Überschrift.

Goethe

Goethe

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema: Goethe. Goethe war so ziemlich alles, was man als Universalgelehrter um die Jahrhundertwende 1800 sein konnte. In meiner ehemaligen Schule – dem Goethe-Gymnasium – hing ein Scherenschnitt, auf dem Goethes Silhouette mit verschiedenen Berufsbezeichnungen angereichert war – das Blatt reichte gerade so aus. (Übrigens war eine recht seltsame Kopie von nebenstehendem Bild an unsere Cafeteria-Wand gepinselt. Da wurde dann aber irgendwann ein Bücherschrank vor gestellt…)

Der bekannteste Beruf ist sicherlich: Dichter. Selbst die theoretischen Schriften, gerade zu naturwissenschaftlichen Fragestellungen, sind von hoher literarischer Qualität. Viel bekannter und mit Wissenschaft verknüpft ist das Hauptwerk Goethes, das zentrale Werk der Weimarer Klassik – eigentlich das bedeutenste und meistzitierte Werk der deutsprachigen Literatur: Faust, die Tragödie in zwei Teilen. Und eine ganze Reihe von geflügelten Worten nutzen wir heute ganz natürlich in unserem Sprachschatz. Goethes Bearbeitung zeigt aber auch den Weg von Stücken aus dem Volkstheater, speziell auch Puppentheater, wo die Tragödie mit Hans Wurst kombiniert aufgeführt wurde, hinein in eine hochliterarisierte Form.

Sicherlich hängt der riesige Literaturnachlass Goethes auch mit seiner enormen Lebensdauer zusammen. Hier sei noch auf mein Lieblingsdrama Goethes verwiesen, auf Iphigenie auf Tauris. Wenn aus diesen Versen nicht das italienische Flair spricht – dann weiß ich auch nicht. Obwohl Tauris gar nicht in Italien liegt … (ts)



Wenn die Welt erschaffen wird…
Donnerstag, 17. Juni 2010, 16:11
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Der geneigte Leser erinnert sich noch an die Wurfpuppe, die vor ein paar Einträgen bebauhaust ein Thema war. Morgen werden die Wurfpuppen endlich auf Publikum treffen, ein Jahr theaterpädagogische Projektarbeit geht zu Ende und die Welt wird mit Erbsen erschaffen. Die Programmhefte liegen ausgedruckt und gefaltet griffbereit, die Bühne steht, das Licht hängt. Und nach einer frohstimmenden Generalprobe am heutigen Mittag freuen wir uns auf die morgige Premiere.

Die Erschaffung der Welt In M

Die Erschaffung der Welt In M

Die Erschaffung der Welt in M. Mit der Erschaffung, dem Schöpfungsakt, haben sich eigentlich alle Völker irgendwann zu Beginn ihrer Kultur beschäftigt. Bis heute gibt es ja einen florierenden Markt der Theorien, wie das Universum, die Welt – also die Gesamtheit dessen, was ist – entstanden sein könnte. Was wohl nach einer Erschaffung aus einer Erbsenkiste entstanden sein könnte, was die Erbsenlebewesen erleben, wie sie sich in ihrer Natur verorten müssen und das Unbekannte ergründen – davon handelt die Theaterperformance. Alles in M – der Konsonant steht natürlich für Magdeburg. Und wenn wir bei Wikipedia nachschauen und das dann auch noch glauben, ist M der 14-häufigste Buchstabe in deutschen Texten. Gut das die germanistischen Zeiten vorbei sind, in denen man in Goethes Texten Artikel zählte – es lebe das unsinnige Wissen!

Erbsen passen zu einem anderen, ebenfalls welterschaffenden (zumindest im idealistischen Sinne) Megaevent, wo es um eine große Erbse aus Leder statt aus Jutebeuteln genäht geht. Um 16 Uhr morgiger Zeitrechnung gibt es glücklicher Weise keine Ausreden mehr, nicht ins Puppentheater zu pilgern und die hiesigen Fan-Ränge zu betreten (außer man ist Slowenier oder US-Amerikaner). (ts)



Der saisonale Endspurt beginnt
Mittwoch, 9. Juni 2010, 15:55
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Die letzte Premiere eines Theaters ist in der Regel die Open-Air-Produktion! Und obwohl alle Produktionen einer Spielzeit gleich wichtig sind, kommt dieser in der Regel besondere Aufmerksamkeit zu, da besonders prestigeträchtig, besucher- und einnahmeorientiert.

Das Theater verlässt angestammte Räume, setzt sich nicht nur Wind und Wetter aus, sondern sucht im besten Falle eine Konzeption, die das „Draußenspielen“ sinnfällig macht.

Seit mehr als 35 Jahren pflegt das Magdeburger Puppentheater bereits eine Tradition, die da „Hofspektakel“ heißt. Und wenn man nicht zum Festival Orte bespielt, die für 5000 – 6000 Besucher tauglich sind, ist es der eigene romantische Innenhof, in dem die Bühne zum Greifen nahe und das ganz direkte und individuelle Erleben garantiert ist.

ICH BIN NICHT LUSTIG oder DIE WELT WIRD BESSER, lautet der Titel der diesjährigen Produktion. Regisseur Hans-Jochen Menzel ist auch der Autor des gleichnamigen Buches, das wir aus Anlass des 50.Geburtstages unseres Theaters publiziert hatten (Restexemplare sind übrigens im Theater erhältlich). Die Unterzeile TAGEBUCHFRAGMENTE EINES KASPERS, dürfte allerdings mehr Aufschluss geben über das, was das geneigte Publikum erwarten kann.

Also, vom Buch auf die Bühne! Ein spannender und nicht zu unterschätzender Prozess. Denn was geschrieben steht und lustvoll illustriert ist, bedarf auf der Bühne eines sinnvollen Vorgangs und einer anderen dramaturgischen Struktur. Während Kasper in unserem Buch, kommentarlos von Seite zu Seite und mit riesigen Schritten durch die Kulturgeschichte der Menschheit schreitet, bedarf es auf der Bühne einer entsprechenden Handlung, um Orte, Zeiten, Personen und Geschehen nachvollziehbar zu machen.

Doch nicht nur Kasper himself ist auf “Zeitreise”, sondern gleichermaßen seine Kollegen aus dem klassischen Kaspertheater: Gretel, Polizist, Krokodil, Teufel und Tod.  Das Spektrum der historischen und zeitgenössichen Reisebekanntschaften reicht von Guericke, Goethe, Freud, Gorbatschow und Westerwelle, um nur einige wenige zu benennen.

Der Regisseur stellt fest: Kasper spielt man nicht, Kasper ist man! Das trifft allerdings auch auf seine Kollegen zu. In diesem Sinne beginnen wir die Proben mit einer Handlungsstruktur und wenigen vorgegebenen Texten. Das schafft Freiraum für die Spieler und deren Erfindungen. So kann dann durchaus das Krokodil zu einer verwunschenen Prinzessin mit unstillbarer Fresslust mutieren.  Da wir uns vorgenommen haben, auch so manch wohlbehütetes Menschheitsgeheimnis zu enthüllen, sind der Phantasie der Beteiligten keine Grenzen gesetzt. Allerdings muß der historische Background stimmen und der Recherche kommt gleicher Stellenwert zu, wie der lustvollen Erfindng. Oder wußten Sie, warum die Gletschermumie Ötzi gemordet wurde oder warum Otto von Guerickes Halbkugelversuch auf dem Reichstag zu Regensburg so fulminaten Erfolg hatte? Kasper deckt alles auf. Übrigens, und da sei allen anderslautenden Veröffentlichungen in die Parade gefahren: Der Slogan Ottostadt Magdeburg wurde vom Kasper erfunden aus ewiger Dankbarkeit gegenüber seinem besten Kumpel Otto Meier aus Buckau!

Premiere ist am 2. Juli und wir hoffen, dass das Wetter hält und die Stimmung gleichermaßen. Die Spielserie bildet dann den Abschluss unserer Spielzeit und geht vom 3. – 25. Juli täglich außer montags! Herzlich willkommen! (fb)



Pfingstwetter
Donnerstag, 20. Mai 2010, 16:31
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Das Leben kann so schön sein / Wenn das Wetter danach ist. / Weil man in der Sonne / Seine Sorgen schnell vergisst. / Man sitzt auf einer Parkbank / Fühlt sich fast wie ein Tourist. / Das Leben kann so schön sein / Wenn das Wetter danach ist. (Farin Urlaub: IFDG)

Das Wetter kann ja immer ein Thema sein und mal ehrlich: Wie oft haben Sie in den letzten Wochen zu jemanden gesagt, wie sehr Ihnen Regen, Kälte und grauer Himmel auf den Keks gehen? Na also. Aber bevor mir nun jemand unterstellt, ich ziele mit der Wettervorhersage auf einen Moderator ab, der gerade in den Boulevardmedien durch den Matsch gezogen wird, nein! Vielmehr hoffen wir, dass bis Dienstag sich das Wetter nochmal drehenwird. Schließlich fangen dann die Proben für das Hofspektakel an, die bei dieser Wetterlage doch auch weniger Spaß machen dürften. Ich freue mich schon: Schließlich finden die Proben direkt vor dem Bürofenster von Theaterpädagogik und Dramaturgie statt und ich bin somit immer auf dem neusten Probenstand. Momentan sehe ich, wenn ich hinausblicke allerdings eine rote Plane, die das Bühnenbild vorm Regen schützt und die unserem Glasgang ein ganz außergewöhnliches Licht macht. Das begeistert vor allem Schulklassen auf Theaterführung, dieser “Feuertunnel”.

Aber das kann ja alles noch klappen. REINEKE FUCHS beginnt schließlich mit einem Pfingstfest, bei dem der Himmel festlich heiter und die Erde farbig glänzt. Also schon einmal von dieser Stelle aus: Ein frohes Pfingstfest! (ts)



Hausbau
Montag, 10. Mai 2010, 12:36
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Beim Bauhaus denken wir heute eher an eine große Baumarktkette. Doch viel spannender als das dortige Sortiment – und ungleich einflussreicher – ist das historische Bauhaus. 1919 in Weimar gegründet, dann nach Dessau weitergereist und schließlich in Berlin als eine der ersten Institutionen von den Nationalsozialisten geschlossen. Das ist alles für die Kunsthistoriker unter uns nicht sonderlich neu, zwei Aspekte, die ich bis Samstag nicht kannte, möchte ich hiermit kundtun.

Wurfpuppe

Wurfpuppe

Zum einen habe ich endlich herausgefunden, was denn eine Wurfpuppe ist. So hat Marianne die Puppenart benannt, die in der evangelischen Grundschule in unserem Jahresprojekt DIE ERSCHAFFUNG DER WELT IN M Verwendung findet und so aussieht, wie auf nebenstehendem Bild. Die Puppen sind aus Jutebeuteln genäht und mit Erbsen gefüllt, schließlich gibt es die Geschichte, die Welt sei aus einer Kiste Erbsen entstanden. Der Typus Puppe begegnete mir in anderer Form im Bauhaus-Museum in Weimar, als eine längliche Puppe aus vermutlich Garn mit menschlichen Gliedmaßen und Holzkugeln an allen Enden der Extremitäten. Natürlich habe ich mir nicht aufgeschrieben, wem wir diese Puppen zu verdanken haben. Im Museum lagen sie jedenfalls in der Vitrine für Kinderspielzeug – wurde dann aber, vielleicht auf Grund seiner begrenzten Möglichkeiten, nicht in Serie gebaut. Aber keine Angst: Die Wurfpuppen können von den Schülern animiert noch ganz andere Sachen, als hingeworfen werden.

Chicago

Chicago

Und noch etwas anderes habe ich herausgefunden: Das Bauhaus emigirierte mit seinen Meistern. Unter anderem ging László Moholy-Nagy nach Chicago und gründete dort das New Bauhaus, heute als Institute of Design weitergeführt. Und links sehen wir, wie das heute aussieht (das Foto stammt vom gestrigen Sonntag Nachmittag – nein, ich war nicht selbst dort).

Nach diesem kleinen Exkurs zum Bauhaus, seinen Produkten und seiner Geschichte widmen wir uns dann wieder morgen der Erschaffung des Theaterstücks, das bei den KinderKulturTagen seine Premiere feiern wird. (ts)



Vegetieren
Montag, 3. Mai 2010, 12:59
Abgelegt unter: Probentagebuch

“Was heißt Vegetieren? Nichtstun, mit seinen komplexen Gesetzen.” Luc Bondy schreibt es zumindest so in seinem Roman “Am Fenster”, in dem ein älterer Mann am Fenster und in seiner Wohnung sitzend eben genau dieses macht: Vegetieren. Das Nichtstun ist offenbar ein sehr ergiebiges Feld: 2001 tat ein Dorf in Oberösterreich einfach mal eine Woche lang nichts. Der Ruf danach, einfach mal nichts zu machen, ist mindestens genauso laut wie die Warnung davor, dass beim Nichtstun das Gehirn schrumpfe.

“Vegetieren heißt auch, auf etwas warten, wo nichts zu erwarten ist.” Worauf wohl Marlene Dietrich in ihrer Pariser Wohnung wartete. Sicher nicht auf Leni Riefenstahl – aber vielleicht doch auf ein Engagement? Auf Gesundung? Auf den Tod? Der Zustand des Wartens ist dem des Vegetierens vielleicht gar nicht so unähnlich, vielleicht sind es ja Geschwister.

Irgendwann wächst sich das Nichtstun dann in eine Lethargie aus. Vielleicht kann man diese sogar genießen – so wie die Großmutter zu oben genannten älteren Mann. Vielleicht hängt das aber auch vom Standpunkt ab, den man gerade in seinem Leben einnimmt. Ich könnte mir vorstellen, dass es schwieriger ist, lethargisch zu sein, wenn man auf die Früchte des Lebens bereits zurückblickt. Dann bleiben nicht die tollen Pläne, die man zumindest in der Fantasie macht… (ts)