der besondere Tipp:

Die Meerjungfrau in der Badewanne (samstag)

Uraufführung: Philipps Mutter war eine Meerjungfrau.
Deswegen hat Philipp auch Schwimmhäute zwischen seinen Zehen. Doch eines Tages gab sie dem Ruf des Meeres nach und verließ ihren kleinen Sohn und ihren Mann, sodass Philipp seine Mutter nie kennen lernen konnte. Es bleibt: Eine fantastische Geschichte, von der niemand weiß, ob sie wahr oder erfunden ist. Aber ist es nicht immer so im Leben? Dies hält für den aufgeweckten Jungen jedenfalls eine geheime Freundin, eine schwarze Witwe und einen Geschichtenvater bereit.

Die wundervolle Geschichte des niederländischen Kinderbuchautors Koos Meinderts als poetisches Erzähltheater mit Puppen und Objekten der Erinnerung.

von Tim Sandweg nach Koos Meinderts. REGIE Frank Bernhardt

Premiere am Samstag, 11.02. um 19:00 Uhr
weitere Termine: 13. – 18.02.


Die Geschichte vom Kleinen Onkel (sonntag)


Sonntag, 15:00 und 16:30 Uhr

Für die Großen ist es Punk, für werdende Eltern zu laut, für Kinder das Größte! (Kulturserver 2011)

Es war einmal ein kleiner Onkel. Der war sehr einsam, weil er kleiner und langsamer als die Anderen war. Die anderen Onkel liefen an ihm vorbei und die kläffenden Hunde bissen ihm in die Hacken. Doch eines Tages beschloss der kleine Onkel, einen Freund zu suchen, und hängte Suchanzeigen an alle Bäume: „Kleiner Onkel sucht einen Freund“. Und wartete. Und das Warten lohnte sich, denn eines Tages wurde der kleine Onkel von einer feuchten Hundeschnauze geweckt.

Raus aus der Einsamkeit. Freunde finden und Freunde teilen – das erfährt der kleine Onkel, der seinen mutigen Schritt, die anonyme handy- und aktenkoffertragende Masse zu überwinden, nicht bereuen wird. Plötzlich erfährt er, wie wohltuend eine Freundschaft sein kann.
Eine behutsame Geschichte ohne Wörter, eine Inszenierung, die ganz auf die Kraft der Puppenanimation vertraut und so eine ganz eigene Figurenwelt erschafft. Für junge Theaterzuschauer, die sich auch trauen wollen, anders, aber dafür individueller zu leben.


Puppentheater Magdeburg
Warschauer Strasse 25
Tickets: 540 – 3310 / 3311


EDITORIAL puppe. 11
Nur zu Besuch
Asche zu Asche. Der Schnee knirscht unter den – achnee, regnet ja. (Wäre aber ein so schöner Anfang gewesen. Wie hört sich das an in einem Editorial über einen Friedhofsbesuch: Der Matsch versaut mir die neuen –) Wo lag sie denn nur? Immer vergesse ich die richtige Reihe, dabei ist der Friedhof doch gar nicht so unübersichtlich groß. „Entschuldigung, wissen Sie…?“

+++ In Hannover gibt es ein Menschenfressergrab, nur weil orthographisch unbegabte Zeitgenossen die steingemetzte Inschrift falsch verstanden haben: „Heinrich Andre as Jakob Lutz“, passte nicht anders auf den Stein. Hätte ja auch jemand Korrekturlesen können. Woher kommt eigentlich diese Faszination für möglichst grausame, sadistische Todesarten? Da lebt immerhin ein ganzer Zweig der Filmindustrie von.

+++ Kein Wunder, dass ich das Grab nicht finde, wenn da Schnee auf dem Grabstein – achnee, regnet ja. (Ich erinnere mich aber an Schnee – da habe ich doch mal ein Foto fürs Probentagebuch geschossen, da war Schnee drauf.) Ob wohl Steinmetze in Zeiten der zunehmenden Anonymisierung ein Auftragsproblem haben? Da braucht man ja niemanden mehr, der filigran mit Hammer und Meißel Findlinge mit Namen oder Sprüchen versieht – auf wessen Grabplatte steht noch der Spruch: „Hier ruhen meine Gebeine / Ich wollt es wären deine“?

+++  Vampirgräber sind ja auch eine ganz spezielle Kategorie der volkskundlichen Archäologie. Gerade in Rumänien war es ja so eine Art abergläubischer Volkssport, exhumierten Leichen Todesfälle in die Schuhe (nee, wie sagt man: Särge?) und dann Pflöcke in den Körper zu schieben. Unheilige Unruhe. „Der Körper wurde in eine sehr enge Grube gepresst. Die Verstorbene sollte auch nach dem Tod keine Ruhe finden und in einer unbequemen Position liegen. Bei der Bestattung wurde zudem der Schädel der Toten mit einem großen Stein zerschlagen, der in dem Schädel eingekeilt blieb.“ Soweit der Vampirgrabexperte Miroslav Vaškových vom Mährisch-Slowakischen Museum; hätte ich im Urlaub vorbeifahren und mir die Grabgeschichten anschauen sollen. Aber ich habs ja nichtmal bis zur Burg der Blutgräfin Elisabeth Báthory geschafft.

+++ „Hier steh ich an den Marken meiner Tage.“ Ob sich das die Dietrich wohl selbst ausgesucht hat? Geht man nah an den Grabstein, sieht man ein eingeritztes, rotes Herzchen. Und natürlich liegen wieder rote Rosen auf dem matschigen Grund. Das Gedächtnis, das der Dietrich nachtrauert, ist so groß, da könnte man doch allen Vergessenen was von abgeben. Ist wahrscheinlich überhaupt das Traurigste, wenn niemand um einen trauert.

+++ In Osnabrück, da kann ich mich an ein Schild erinnern, auf dem steht, dieser Friedhof sei ein „Ort des Lebens“. Wenn man gerade über Vampire nachdenkt, ist das fast makaber. Überhaupt dieses Missverhältnis: Da versuchen wir alles Mögliche, unser Leben ins Endlose zu verlängern, stellen Experimente an, wie wir vielleicht unsterblich werden. Andererseits ist die Vorstellung, als Vampir durch die Gegend zu wandeln, nur für die Wenigsten berauschend. (Ja, „berauschend“ ist doppeldeutig gemeint, liebe Korrekturleser.) Vollzieht sich im Motiv des Vampirs oder auch des Geists, also im Nicht-Sterben-Können, ein viel größerer Zwang, als er mit dem Sterben-Müssen jemals verbunden sein könnte? Tod aber glücklich?

+++ Staub zu – nee, ist ja Matsch heute. (Aber das kann ich ja nicht schreiben in einem Editorial zu einem so ernsten Thema.) Was ist eigentlich mit den weiterlebenden Ikonographien, hier: Diva, Venus, Göttin. Ist es nicht das, worin es sich viel eher lohnt weiterzuleben, denn als blutsaugendes, nachtaktives Fledermausmonster? Also in der Erinnerung oder, wenns denn sein muss, im Nachruhm. Aber bevor ich jetzt damit beginne, an meinem Nachruhm zu arbeiten, geh ich mich lieber aufwärmen. Dahinten war doch dieses Café… „Tschuldigung, wissen Sie…?“

Ihr Tim Sandweg, Dramaturg