
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
„Die gigantische Masse verwandelt sich in ein Textgewebe.“ (Michel de Certeau)
Lassen sich Städte lesen, wie ein Text? Auf dem Boden, zwischen den Häuserschluchten, auf den Straßen und Fußgängerwegen scheint die städtische Textur schier unentwirrbar. Und doch bewegen wir uns jeden Tag auf ihren Sätzen, bleiben auf ihren Wörtern stehen, lassen uns lenken, leiten, ob zu Fuß, ob im Auto sitzend, beziehen Wohnungen oder kaufen ein. Um dies Geflecht zu verstehen, müssen wir uns vielleicht auf einen erhöhten Punkt begeben, auf einen Turm, der uns als privilegierte Betrachter über das Wirrwarr von Straßen und Plätzen, Gebäuden und Parks erhebt und den Panoramablick freigibt.
Da liegt sie unter uns, die Stadt. Für einen Moment sind wir nicht mehr Teil des Trubels, gönnen uns einen erhabenen Überblick über unsere täglichen Wege, die wir blind beschreiten können. Und je nach Stadt sehen wir ein spezifisches Bild, ein System – mal mit klaren Strukturen, mal undurchschaubar. Und doch lassen sich Komplexe ausmachen. So sieht man wohl jeder Stadt an, wo eher die Armen, wo eher die Reichen wohnen. Von dieser Position ist man fast geneigt von sozialen Ghettos zu sprechen, auch wenn uns immer eingebläut wird, diese gäbe es gar nicht. Vielleicht sehen wir unter uns keine Slums oder Favelas; dafür müssten wir nach Mumbai oder Rio fahren. Doch lassen sich für das Auge des Betrachters heruntergekommene, dicht besiedelte Gegenden ohne weiteres von Villenlandschaften mit Parks oder der Einfamilienhausretortensiedlung unterscheiden.
Lesen wir den Text, sehen wir diese räumlichen Trennungen. Wir erfahren aus dieser Perspektive, warum sich soziale Gruppen nur schwer mischen lassen, warum arme Kinder selten reiche Kinder treffen. Die Wege, die Gänge sehen es einfach nicht vor, die Treffpunkte existieren nicht. Denn neben dem gebauten Text gibt es einen zweiten, einen Bewegungstext. Der Stadtnutzer, der Fußgänger, folgt den städtebaulichen Zeilen und erschafft durch sein Gehen ein weiteres, flüchtiges Schriftbild. Eines, das niemand festhält und auf das kaum jemand achtet
Und dennoch ist es recht stabil. Wir gehen immer die gleichen Wege, die uns Arbeitsplatz und Lebensmittelladen, Schule und Behörde vorschreiben. Von oben sehen wir die anderen Möglichkeiten: Wege die wir nie gegangen sind, weil es vielleicht Umwege sind, weil sie uns missfallen, weil auf ihnen zu viel Verkehr herrscht. Doch wenn Pünktchen nicht den Weg auf die Brücke zum Verweilen gefunden hätte, wäre sie nie Anton begegnet. Die beiden Bewegungsmuster wären nie aufeinander gestoßen; es ist ein großes Glück, dass beide auf der gleichen Silbe zum Stehen gekommen sind. Und jetzt schreiben sie gemeinsam ihre Bewegungssätze
Steigen wir also hinab von unserer Aussichtsplattform und stürzen uns wieder in das Gewühl. Neue Wege und Haltepunkten im Textdickicht im beginnenden Jahrzehnt wünscht Ihnen das Ensemble des Puppentheaters der Stadt Magdeburg.
Ihr Tim Sandweg [Dramaturg]



